Bielefeld ist weiterhin die wichtigste Einkaufsstadt in Ostwestfalen, allerdings hat sich der Attraktivitätswert verschlechtert und es besteht Handlungsbedarf für eine Aufwertung des Standorts. Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie „Vitale Innenstädte“, deren Teilresultate für Bielefeld die Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen (IHK) jetzt vorgestellt hat.
Insgesamt sind dafür 506 Interviews mit Passantinnen und Passanten in der Bielefelder Innenstadt geführt worden. Die Untersuchung ist Teil der bundesweiten Studie „Vitale Innenstädte“ des Instituts für Handelsforschung Köln (IFH), an der 107 Städte unterschiedlicher Größenklassen teilgenommen haben. Den bundesweiten Ergebnissen liegen rund 68.450 Interviews zugrunde.
Der Ortsgrößenklasse 200.000 bis 500.000 Einwohner gehören inklusive Bielefeld elf Städte an. Bundesweit wird die Attraktivität der Stadtzentren insgesamt mit der Schulnote 2 minus (2,5) bewertet. Generationsübergreifend bleibt das Einkaufen zwar Besuchsmotiv Nummer eins, die Bedeutung der Gastronomie wächst aber weiter.
In Bielefeld waren rund 70 Prozent der Befragten Einheimische, knapp 30 Prozent auswärtige Besucher. Am Samstag war der Anteil der Auswärtigen höher.
„Hierdurch wird die Bedeutung Bielefelds als Einkaufsstadt klar. Dabei kommen die Besucher zum größten Teil aus der Region und dem angrenzenden Niedersachsen“, erläutert IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke.
Ein Drittel der Befragten ist der Meinung, dass sich die Attraktivität der Bielefelder Innenstadt in den vergangenen vier Jahren verbessert hat – dennoch ist in der Gesamtwertung eine Verschlechterung zu verzeichnen auf nun 3,3 nach 3,0 (2022) und 2,8 im Jahr 2020. Damit schneidet Bielefeld aktuell auch schlechter ab als die Vergleichsgruppe mit einer Durchschnittsnote von 2,5.
Bei den Parametern Einzelhandelsangebot, Dienstleistungsangebot, Gastronomieangebot, Veranstaltungen oder Kulturangebot liegt Bielefeld mit Durchschnittsnoten von 2,1 bis 2,7 im positiven Bereich und zum Teil sogar besser als bei der Umfrage 2022. Allerdings zeigt sich in einigen Bereichen weiterhin ein Rückstand zum Durchschnitt der Vergleichsgruppe.
Das Einzelhandelsangebot in der Stadt wird als zufriedenstellend bezeichnet, die Bewertung hat sich bei einigen Sortimenten gegenüber von vor zwei Jahren ebenfalls leicht verbessert. Insbesondere das Thema Nahversorgung ist aus Sicht der Befragten aber ein Problem in der Innenstadt.
„Das Lebensmittelangebot wird mit der Note 3,6 nach zuvor 3,1 auffallend schwach bewertet. Dies ist womöglich auch auf die Schließung der Lebensmittelabteilung im früheren Karstadt-Haus zurückzuführen. Diese Lücke konnte durch den Rewe-Markt im Untergeschoss des LOOM offenbar noch nicht adäquat geschlossen werden.
Zusätzlich kommen in der Altstadt der Nahkauf oder auch Klötzer hinzu sowie der Wochenmarkt auf dem Alten Markt. Viele Besucher verbinden die Innenstadt nicht zwingend mit dem Lebensmittelkauf, vielleicht ist das Angebot auch deshalb nicht so präsent, sollte in der Außenwirkung aber nachjustiert werden“, sagt Marco Rieso, Referatsleiter Handel und Dienstleistung bei der IHK Ostwestfalen.
Bei der Ausgabebereitschaft der Besucher steht Bielefeld im Vergleich ordentlich da. Die Gruppe derer, die zwischen 20 und 200 Euro ausgeben wollen, ist mit gut 70 Prozent größer als andernorts. Auffallend ist aber, dass nur 2,4 Prozent sagen, bei ihrem Besuch mehr als 200 Euro auszugeben – im Gesamtdurchschnitt aller teilnehmenden Städte ist der Anteil mit 5,0 Prozent mehr als doppelt so hoch.
Luft nach oben gibt es angesichts der Umfrageergebnisse vor allem bei den Faktoren Aufenthaltsqualität, Ambiente, Flair, bei denen die Bewertung von 3,0 vor zwei Jahren nun auf 3,4 gefallen ist. Damit korrespondiert auch der Wunsch nach Stadtbegrünung (Note weiterhin 3,7) und Sauberkeit (3,2). Jeweils etwa drei Viertel der Befragten wünschen sich eine Aufwertung der Fußgängerzonen und Plätze sowie eine Umgestaltung der Innenstadt mit mehr Bepflanzung.
„Die Ergebnisse zeigen deutlich die Perspektiven für die Bielefelder Innenstadt. Gefordert sind mehr Aufenthaltsqualität durch Begrünung, Sicherheit und Sauberkeit, das ist ein klarer Auftrag an die Bielefelder Stadtentwicklung“, konstatiert Pigerl-Radtke.
„Trotz des Jahnplatzumbaus und des Projekts Altstadtraum – das von der Konzeption nun in die Umsetzung gebracht werden muss – wird Bielefeld nicht positiver wahrgenommen. Das zeigt, dass alle Beteiligten gemeinsam daran arbeiten müssen, das Erscheinungsbild weiter und stetig zu verbessern.“
Deutlichen Handlungsbedarf zeigen auch die Ergebnisse zum Thema Erreichbarkeit und Mobilität. So wird die Autofreundlichkeit nun mit der Note 3,6 bewertet, gleiches gilt für PKW-Parkmöglichkeiten – für beides gab es 2022 noch eine 3,2. Auch die Fahrradfreundlichkeit wird nun mit 3,1 statt 2,8 bewertet. Einzig bei der Fußgängerfreundlichkeit (2,3) und Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln (2,0) schneidet Bielefeld hier gut ab.
Knapp die Hälfte der Befragten halten den Ausbau des Radverkehrs sowie die Umgestaltung zu einer auto- beziehungsweisen verkehrsärmeren Innenstadt für wichtig, annähernd so viele aber auch den Ausbau von PKW-Parkmöglichkeiten. Für die Bielefelder Verkehrspolitik und deren Umsetzung gibt es die Schulnote 3,8 – wobei 47 Prozent der Befragten ein „ausreichend“ und 16 Prozent ein „mangelhaft“ vergeben.
„Bielefeld hat weiterhin Hausaufgaben zu lösen, um die Attraktivität der Innenstadt zu optimieren. Die Ergebnisse zeigen beim Blick auf das Verkehrsthema und die Erreichbarkeit aber auch eindeutig: Es gibt nicht die Autofahrer oder die Radfahrer. Die Gesamtheit der Besucher der Innenstadt nutzt alle Verkehrsmittel, erwartet eine dementsprechende Infrastruktur und ein pragmatischeres Vorgehen der Stadt“, so Pigerl-Radtke.
Die IHK Ostwestfalen hat sich zum fünften Mal an der Studie „Vitale Innenstädte“ beteiligt. Die Interviews wurden im Oktober 2024 am Jahnplatz/Niedernstraße, Jahnplatz/Bahnhofstraße, an der Kreuzung Bahnhofstraße/Stresemannstraße sowie am Alten Markt geführt. Zu der Ortsgruppenklasse von 200.000 bis 500.000 Einwohnern gehören neben Bielefeld die Städte Braunschweig, Chemnitz, Erfurt, Freiburg, Karlsruhe, Krefeld, Mönchengladbach, Oberhausen, Rostock, Wiesbaden.