Vor allem Industrie und Handel im Kreis Herford verharren weiterhin im Stimmungstief. Bei den Dienstleistern sieht es etwas besser aus. Dies sind Ergebnisse der Frühjahrskonjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK), an der sich im Kreis Herford 275 Unternehmen mit fast 12.000 Beschäftigten beteiligten. Darunter waren 65 Industriebetriebe mit knapp 7.150 Beschäftigten, 130 Dienstleister mit 3.159 Mitarbeitenden sowie 80 Handelsunternehmen mit 1.676 Beschäftigten. „Wachstum ist auch in unserem Kreis aktuell nicht in Sicht. Wir brauchen ein Sofortprogramm für mehr Wettbewerbsfähigkeit. Eine neue Bundesregierung muss Wirtschaftspolitik zum Top-Thema machen und Impulse setzen“, sagte Rainer Döring, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses und Mitglied der Vollversammlung der IHK Ostwestfalen, heute (20. März) bei der Vorstellung der Ergebnisse in der Lehrfabrik der Möbelindustrie in Löhne.
Insbesondere in der Industrie ist keine Erholung zu spüren. Als größte Herausforderungen für die künftige Entwicklung nannten die Betriebe neben der Inlandsnachfrage (77 Prozent) die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (74 Prozent), vor allem „Bürokratie“. Zudem seien hohe Energiekosten ein Problem, so Döring. Die von Union und SPD vorgeschlagene Reduzierung der Stromsteuer und Senkung der Netzentgelte wären ein erstes starkes Signal. Als zunehmendes Problem stellten sich hohe Arbeitskosten dar. Eine weitere Stellschraube, an der gedreht werden müsse, sei eine Unternehmenssteuerreform.
„Wie schnell und welche Impulse von den geplanten Investitionen des Bundes in Infrastruktur und Verteidigung ausgehen, bleibt abzuwarten. Der große Handlungs- und Investitionsbedarf ist unbestritten“, erklärt Döring. „Das 500 Milliarden Euro schwere Finanzpaket darf aber nicht dazu verleiten, Haushaltsdisziplin sowie die dringend notwendigen strukturellen Reformen aufzuschieben.“
Die gesamtwirtschaftliche Unsicherheit spiegele sich in den Umfragedaten wider. So ist der IHK-Klimakonjunkturindex für die Wirtschaft im Kreis Herford von Herbst 2024 zum Frühjahr 2025 zwar von 66 auf 76 Punkte gestiegen. Damit bleibt er aber deutlich unter der 100er-Marke, die für eine ausgeglichene Stimmung steht, bei der Optimisten und Pessimisten sich die Waage halten. Das niedrige Niveau zeige die schwache konjunkturelle Lage im Kreis. Zum Vergleich: für Ostwestfalen insgesamt liegt der Index bei 94.
„Die Geschäftslage der Industrie im Kreis hat sich leider kaum verbessert“, ordnet Döring die Zahlen ein. Aktuell bezeichneten nur 6 Prozent der Industriebetriebe ihre Geschäftslage als „gut“ (Herbst: 4 Prozent), die „schlecht“-Bewertungen blieben mit 51 nach zuvor 60 Prozent auf hohem Niveau. Eine schwache Konjunktur gepaart mit gestiegenen Kosten drücke auf die Marge. 35 Prozent der Firmen bezeichneten ihre Ertragslage als „schlecht“, nur 9 Prozent als „gut“. Leicht verbessert hat sich die Auslastung. 20 Prozent (Herbst: 12 Prozent) der Industriebetriebe im Kreis berichten von einer Produktionsauslastung von mehr als 95 Prozent.
Der Blick auf die erwartete Geschäftslage für die kommenden zwölf Monate fällt ernüchternd aus. Nur 9 Prozent der Industriefirmen erwarten eine Verbesserung, 29 Prozent eine Verschlechterung. Das Gros der Betriebe (62 Prozent) rechnet mit keiner nennenswerten Veränderung. Umsatzzuwächse werden nur im Ausland erwartet. Bei der Ertragslage gehen 46 Prozent der Betriebe von einer Verschlechterung aus, nur 12 Prozent von einer Verbesserung. Verunsicherung und Zurückhaltung zeigt sich auch bei geplanten Investitionen im Inland. Nur 19 Prozent wollen mehr investieren, 38 Prozent weniger. Und nur 7 Prozent der Betriebe wollen ihre Belegschaft aufstocken, 33 Prozent erwarten eine geringere Mitarbeitendenzahl.
Die Gesamtumsätze der Industriebetriebe mit mindestens 50 Beschäftigten beliefen sich 2024 im Wittekindskreis auf 6,975 Milliarden Euro, ein Rückgang um 5,4 Prozent zum Vorjahr. In Ostwestfalen insgesamt betrug das Minus 9,1 Prozent. „Die Industrie im Kreis Herford steht damit also noch vergleichsweise gut da“, erklärt IHK-Geschäftsführer Götz Dörmann. Die Inlandsumsätze sanken um 7,2 Prozent auf 4,289 Milliarden Euro. Die Auslandsumsätze fielen um 2,6 Prozent auf 2,756 Milliarden Euro, die Exportquote lag damit bei 38,5 Prozent (Ostwestfalen: 40,6 Prozent). Überdurchschnittlich gesunken ist im Kreis aber die Zahl der Industriebeschäftigten – um 3,6 Prozent auf 24.563 Mitarbeitende. Mit einem Anteil von 38,9 Prozent an allen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten im Kreis bleibt die Bedeutung der Industriearbeitsplätze aber weiterhin hoch im Vergleich zu Ostwestfalen (33,6 Prozent) und vor allem Bund (26,8) und Land (24,9 Prozent). Zum Stichtag 30. Juni 2024 lag die Gesamtzahl aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Kreis Herford mit 95.218 um knapp ein Prozent niedriger als ein Jahr zuvor.
Im Handel ist die Lage der Unternehmen im Kreis Herford ebenfalls deutlich angespannt. Die gegenwärtige Situation wird fast so schlecht bewertet wie beim Tiefpunkt in der Corona-Pandemie. Nur 17 Prozent der Handelsunternehmen sprechen von einer aktuell guten, 36 Prozent aber von einer schlechten Lage. „Die Konsumzurückhaltung und die mäßige Industriekonjunktur sind Gründe dafür“, sagt Döring. Der Großhandel, der stärker vom Verarbeitenden Gewerbe abhänge, bewerte die Situation deutlich schlechter als der Einzelhandel. Bei den Erwartungen für die kommenden 12 Monate gibt es – wie fast durchweg seit 2019 – mehr Pessimisten als Optimisten. „Die Umsatz- und Ertragssituation ist in etlichen Branchen desaströs“, sagt Döring. Dementsprechend schwach sei die Investitionsneigung, und auch ein Beschäftigungsaufbau sei nicht zu erwarten. 28 Prozent der Händler haben aber offene Stellen zu besetzen. Als größte Risiken nennt der Handel die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und die Arbeitskosten (je 66 Prozent).
Positiver stellt sich die Situation bei den Dienstleistern im Kreis Herford dar: 27 Prozent beurteilen ihre gegenwärtige Geschäftslage als gut, 23 Prozent als schlecht. Für die kommenden 12 Monate gehen 24 Prozent von einer Verbesserung und 18 Prozent von einer Verschlechterung aus. Auch die Ertragserwartungen drehen leicht ins Plus. Als größte Risiken sehen die Dienstleister die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen (60 Prozent), gefolgt von Arbeitskosten (58). Personalmangel nennen noch 41 Prozent der Dienstleister als Risiko. Hier stehen die
Zeichen auf einem moderaten Beschäftigungsanstieg. „Aber wie im Handel und der Industrie fehlen kräftige Wachstumsimpulse“, sagt Döring.