Der Handel und fast alle Dienstleisterbranchen in Ostwestfalen stufen die wirtschaftliche Lage als angespannt ein. Das geht aus der Frühjahrskonjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld (IHK) hervor. „Die fehlenden Wachstumsimpulse schlagen direkt auf die Geschäftslage durch. Und auch die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate versprechen keine wesentliche Verbesserung. Die für einen Umschwung dringend benötigten Impulse könnte eine neue Bundesregierung liefern, wenn sie mit wirtschaftspolitischen Weichenstellungen und entschlossener Reformpolitik für Aufbruchstimmung sorgt“, sagte IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke am Mittwoch, 19. März, bei der Vorstellung der Ergebnisse.
An der Umfrage vom 21. Januar bis 20. Februar hatten sich 1.515 Unternehmen aus den Bereichen Handel und Dienstleistung mit 56.737 Beschäftigten beteiligt. Der Gesamtklimaindex der ostwestfälischen Wirtschaft liegt wegen der schlechten Lage der Industrie bei 94 Punkten und damit unterhalb der 100er-Linie, die für eine ausgeglichene Stimmung steht, bei der sich Optimisten und Pessimisten die Waage halten. Beim Handel steht der Index, gebildet aus Beurteilung der aktuellen Lage und der Erwartungen für die kommenden zwölf Monate, gegenüber der Herbstumfrage 2024 unverändert bei 104 Punkten, der Klimaindex der Dienstleister ist von 102 auf 101 Punkte gefallen.
Stimmung hat sich seit der Herbstkonjunkturumfrage verschlechtert
„Im gesamten Handel ist die Stimmung weiterhin sehr angespannt und besorgniserregend. Die aktuelle Stimmungslage hat sich gegenüber der Herbstumfrage weiter verschlechtert“, erklärt Rainer Döring, Vorsitzender des IHK-Handelsausschusses. Nur noch 18 Prozent der Befragten beurteilen die gegenwärtige Geschäftslage als „gut“, 32 Prozent als „schlecht“, die Hälfte als „befriedigend“. Damit bewegt sich die Stimmung mit einem Saldo von minus 14 nahe des Tiefpunktes von Sommer 2020 in der Corona-Pandemie.
„Neben der mäßigen Industriekonjunktur, die auch Auswirkungen auf den Handel hat, besteht weiterhin eine hohe Konsumzurückhaltung in der Bevölkerung“, nennt Döring Gründe für die schwierige Lage im Handel. Auch bei den Erwartungen für die kommenden zwölf Monate zeigt sich kaum ein besseres Bild, überwiegt Pessimismus: 34 Prozent der Handelsbetriebe gehen von einer schlechteren Entwicklung aus, nur 13 Prozent von eine besseren.
„Im Großhandel ist die aktuelle Stimmungslage so schlecht wie noch nie“, sagt Döring. Nur 13 Prozent der Großhändler sprechen von einer aktuell guten, dagegen 37 Prozent von einer schlechten Geschäftslage. Die Erwartungen machen eine Seitwärtsbewegung auf niedrigem Niveau, bei der ebenfalls die Pessimisten klar in der Überzahl sind. Bei der Beurteilung der aktuellen Ertragslage liegt der Saldo mit minus 40 tief im negativen Bereich und mit minus 35 auch bei erwarteten Erträgen.
Ertragslage im Einzelhandel teilweise existenzgefährdend
Im Einzelhandel sieht das Bild, gestützt von größeren Händlern für Nahrungs- und Genussmittel, etwas besser aus. Aber auch hier wird die aktuelle Geschäftslage nur von 21 Prozent als gut, aber von 29 Prozent als schlecht bewertet. Beim Blick in die Zukunft erwarten 34 Prozent eine schlechtere Geschäftslage, nur 14 Prozent eine bessere. „Die Ertragslage – aktuell und erwartet – ist für einige Einzelhändler sicher existenzgefährdend. Bereits seit Herbst 2022 stehen sowohl Umsätze als auch Erträge unseren Konjunkturumfragen zufolge deutlich unter Druck und sind im Saldo durchweg negativ“, erläutert Döring.
Die krisenhafte Situation hat auch Auswirkungen auf die Beschäftigungsentwicklung. Döring: „In allen Handelsstufen ist unter dem Strich mit einem Abbau von Personal zu rechnen.“ Ausgeprägt sei diese Tendenz vor allem im Groß- und Einzelhandel. Zugleich sind in vielen Unternehmen Stellen unbesetzt und bleibt der Fach- und Arbeitskräftemangel eine Herausforderung. Als größte Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung nennt mindestens jeder zweite Betrieb im Handelsbereich die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die Inlandsnachfrage, die Arbeitskosten sowie die Energiepreise. Vor allem überbordende Bürokratie treibt die Unternehmen um.
Digitalisierung bleibt Treiber für IT-Dienstleister
Die Dienstleister bewerten ihre aktuelle Geschäftslage im Saldo noch leicht positiv: 28 Prozent sprechen von einer guten, 25 Prozent von einer schlechten Situation. Auch bei den Erwartungen ist eine Seitwärtsbewegung sichtbar, aber weiterhin im leicht negativen Bereich. 20 Prozent der Dienstleister erwarten eine Verbesserung, 23 Prozent eine Verschlechterung der Geschäftslage. „Die Stimmung ist sehr angespannt. Einige Branchen stehen deutlich mehr unter Druck als andere. In vielen Branchen herrscht mit Blick auf die Zukunft Unsicherheit“, erklärt Christoph Plass, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Dienstleisterausschusses. Bei der Investitionsneigung zeige sich allgemein Zurückhaltung. Die schwache Konjunktur im Verarbeitenden Gewerbe belaste industrienahe Branchen wie die Arbeitnehmerüberlassung oder das Transportgewerbe zusätzlich.
Derweil bleibe die Digitalisierung für die IT-Dienstleister und für Unternehmensberater ein Treiber, aber auch hier habe sich die Dynamik abgeschwächt. „Auch im Gast- und Reisegewerbe, die in besonderem Maße von der Konsumlaune abhängig sind, wird spürbar, dass das Geld bei vielen Verbrauchern nicht mehr so locker sitzt“, konstatiert der IHK-Vizepräsident. Im Gastgewerbe beurteilen nur noch 11 Prozent die aktuelle Geschäftslage als gut, 37 Prozent als schlecht. Bei der aktuellen und künftigen Ertragslage überwiegen negative Einschätzungen deutlich. Im Reisegewerbe bezeichnet derweil jeder dritte Betrieb die aktuelle Lage als gut, 23 Prozent sprechen von einer schlechten Situation. Aber nur 10 Prozent erwarten eine Verbesserung, 23 Prozent eine Verschlechterung.
Bezahlbare Energieversorgung und spürbare Steuerentlastungen gefordert
Über alle Dienstleisterbranchen hinweg ist im Saldo die Beschäftigungserwartung leicht positiv. Besonders im Gesundheitswesen und bei IT-Dienstleistern wird ein Personalaufbau erwartet. Demgegenüber wird ein deutlicher Personalrückgang in der Arbeitnehmerüberlassung sowie im Gast- und im Reisegewerbe prognostiziert.
Als größte Risiken werden von den Dienstleistern die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die Arbeitskosten, die Entwicklung der Inlandsnachfrage und der weiterhin in einigen Bereichen vorherrschende Personalmangel genannt.
Für die Zukunft sieht Plass Hoffnungen mit der Bundespolitik verknüpft: „Die neue Bundesregierung muss schnell ans Arbeiten kommen und die notwendigen Impulse setzen. Dazu gehören auch für kleine und mittlere Unternehmen eine bezahlbare Energieversorgung, spürbare Steuerentlastungen und der konsequente Abbau wirtschaftshemmender Bürokratie.“